Sie zählt zu den abgelegensten Bahnstrecken Europas: Die Far North Line in Schottland verläuft durch zerklüftete Küstenlandschaften, dünn besiedelte Moore und Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.
Für viele Reisende soll ein Urlaub einen perfekten Mix aus Entspannung und Aktivitäten darstellen. Sich selbst um jeden einzelnen Programmpunkt zu kümmern, ist vielen aber zu mühselig. Wer in Schottland besonders abgelegene Regionen kennenlernen und sich dabei auf ein kleines Abenteuer begeben möchte, ohne viel Planungsarbeit leisten zu müssen, ist auf der Zugroute der Far North Line bestens aufgehoben.
Neben spektakulären Ausblicken bietet die Strecke Zugang zu einem der weltweit bedeutendsten Ökosysteme – dem „Flow Country“, einem riesigen Torfmoorgebiet, das 2024 zum Unesco-Welterbe erklärt wurde. Der reisereporter nimmt dich mit auf die Schienen von den Highlands bis zum nördlichsten Punkt des britischen Festlands.
Historische Strecke durch unwegsames Gelände
Die Far North Line wurde in Etappen im späten 19. Jahrhundert erbaut – ursprünglich mit einem wirtschaftlichen Ziel: Sie sollte den Transport von Fisch, Vieh und landwirtschaftlichen Produkten aus dem abgelegenen Norden in die Städte ermöglichen. Die Bauarbeiten erwiesen sich als äußerst anspruchsvoll: raues Klima, sumpfiges Gelände und finanzielle Engpässe verzögerten das Projekt, berichtet „BBC“.
Eine zentrale Figur für den Weiterbau war der 3. Duke of Sutherland, ein begeisterter Eisenbahnfan. Mit seinem politischen Einfluss und privaten Vermögen sorgte er für die Fortsetzung der Strecke bis Helmsdale – praktisch direkt vor seinem Anwesen, dem Dunrobin Castle. Die dazugehörige Bahnstation existiert noch heute: Sie zählt mit ihrer verspielten Architektur im Chalet-Stil zu den charmantesten Stopps der Linie.
Highlights auf der Far North Line
Ein landschaftlicher Höhepunkt ist der Küstenabschnitt zwischen Brora und Helmsdale. Auf rund 16 Kilometern schlängelt sich die Bahnlinie an grünen Weiden, felsiger Küste und kleinen Buchten entlang. Hier bietet sich ein seltener Blick auf die wilde Schönheit der schottischen Nordsee – oft begleitet von Möwen und Schafen in der Ferne.
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Der idyllische Küstenort Helmsdale ist einen Besuch wert.
Weitere sehenswerte Haltepunkte entlang der Strecke sind zum Beispiel die Stadt Tain, die bereits kurz nach dem Start in Inverness in den Highlands folgt. Sie gilt als älteste „Royal Burgh“ (eine befestigte Gemeinde, häufig mit Burg) Schottlands und liegt ganz in der Nähe der Glenmorangie-Whisky-Destillerie. Nur wenige Kilometer weiter können Reisende einen Blick auf Schloss Skibo erhaschen, das mit seinem landestypischen Architekturstil „Scottish Baronial“ begeistert.
Im weiteren Verlauf der Strecke schlängelt sich die Bahn immer weiter Richtung Norden, vorbei an Altnabreac, einem der entlegensten Bahnhöfe Großbritanniens, und den unendlichen Weiten des Torfgebiets, in dem sich Naturschutzgebiete mit seltenen Vogelarten befinden. Nach rund vier Stunden erreichen die Fahrgäste schließlich Thurso, einen der Endpunkte der Route. Der Küstenort ist unter anderem für die Wolfburn-Whisky-Destillerie und seine hervorragenden Wellen zum Surfen bekannt. Ein alternativer Endpunkt der Strecke ist Wick, eine einst bedeutende Hafenstadt, die heute unter anderem für die laut Guinnessbuch der Rekorde kürzeste Straße der Welt berühmt ist.
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Thurso ist unter anderem bei Surferinnen und Surfern für seine perfekten Wellen bekannt.
Quelle: IMAGO/Pond5 Images
Ein Halt in der Wildnis: Forsinard und das „Flow Country“
Ein besonderes Ziel entlang der Strecke ist auch Forsinard – das Tor zum „Flow Country“, dem größten zusammenhängenden Hochmoor Europas. Die Region umfasst über 1500 Quadratkilometer und wurde 2024 von der Unesco als erstes Torfmoor-Welterbe des Planeten anerkannt. Die Region speichert enorme Mengen an Kohlenstoff und spielt daher eine wichtige Rolle für das globale Klima.
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Die Torfmoore des „Flow Country“ sind Unesco-Weltnaturerbe.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude von Forsinard dient heute als Besuchszentrum, das von April bis Oktober geöffnet ist. Von dort führt ein Holzsteg durch die Moore zum „Flows Lookout Tower“, einer Aussichtsplattform mit weiten Blicken über das Hochland. Informationstafeln erklären die Flora, Fauna und die geologische Bedeutung der Region. Wer weiter wandern möchte, kann sich auf eine fast menschenleere Landschaft einlassen – Wege führen kilometerweit durchs Moor, ohne eine Straße in Sicht.
Ein entschleunigendes Zugabenteuer in Schottland
Während Autorouten wie die NC500, eine rund 830 Kilometer lange Straße entlang der schottischen Nordküste, jährlich Tausende Reisende anziehen, bleibt die Far North Line ein Geheimtipp für alle, die Schottland in absoluter Ruhe erleben möchten. Die Züge fahren viermal täglich von Montag bis Samstag und einmal am Sonntag ab Inverness. Die Fahrt dauert rund vier Stunden – ideal für Tagesausflüge oder als Startpunkt für Wanderungen und mehrtägige Touren. Tickets gibt es schon ab rund 15 Euro zu kaufen.
Die Far North Line ist definitiv mehr als nur eine Zugverbindung – sie ist ein Fenster in die Vergangenheit, in die geologische Geschichte Schottlands und in eine Region, die sich ihren ursprünglichen Charakter bewahrt hat. Wer das wahre, unberührte Schottland sucht, kommt ihm auf dieser Zugstrecke abseits der Straßen und inmitten der Moore garantiert näher.
Quelle: RND